Model werden? Die Wahrheit über die Modelbranche

Blogpost Cover Model werden Carolin Sue

Mit 15 war es mein größter Traum als Model zu arbeiten und um die Welt zu reisen. Mit 16 Jahren habe ich dann angefangen neben der Schule für ein Modegeschäft in meinem Ort zu modeln. Das ist jetzt schon fast 9 Jahre her und mittlerweile hatte ich alle möglichen Jobs, Shootings, TV Spots und habe 6 Monate in Mumbai gelebt und dort Vollzeit als Model gearbeitet.

Es macht wirklich viel Spaß und man erlebt sehr viel, jedoch ist der Beruf und die ganze Branche ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich finde um diesen ganzen Beruf schwirren so viele Fragen und Vorurteile und vor allem falsche Vorstellungen. Daher möchte ich dir nun einmal aus meiner persönlichen Erfahrung erzählen, wie es wirklich für mich war und, dass es definitiv nicht immer nur glamourös und schön ist.

Model werden – aber wie?

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Die häufigste Frage, die sich viele junge Mädels und Jungs stellen ist – Wie kann ich eigentlich Model werden? Dieser Job, der so glamourös und besonders wirkt und auch irgendwie relativ einfach aussieht, scheint viele insgeheim zu reizen. Wäre doch toll auf einem H&M Plakat zu sein und so schwer kann das ja nicht sein, oder?

In erster Linie geht es im Modelbusiness natürlich darum, wie man aussieht. Und hier, finde ich, fängt die Problematik schon an. Ich dachte viele Jahre, dass die Anforderungen, die Models erfüllen müssen, ungeschriebene Gesetze der Schönheit sind. Also nur, wenn man diesen Idealen entspricht, ist man schön. Punkt. Das ist natürlich vollkommener Quatsch – aber sag das mal einer 15 Jährigen!

Models sollten relativ groß (Frauen ab 1.75m) sein und dünn sein. Ich sage absichtlich nicht schlank, sondern dünn. Größe 34 sollte es schon sein. Dabei müssen aber auch die Proportionen „stimmen“, das Gesicht symmetrisch und interessant sein, hohe Wangenknochen, gute Haut, grade Zähne, volle Lippen, tolle Haare und eine besondere Ausstrahlung. Klingt sehr realistisch oder? So ist es leider. 

Es gibt natürlich auch Plus Size Models, das fängt dann ungefähr bei Kleider Größe 42 an. Wenn man bedenkt, dass die durchschnittliche Kleidergröße bei Frauen in Deutschland bei Größe 42 liegt, finde ich den Begriff „Plus Size“ mehr als bedenklich.

Trotzdem gibt es hier auf jeden Fall auch Ausnahmen bzw. das ist nur eine gewisse Vorgabe. Es gibt natürlich auch kleinere Models oder welche, die mit einer frechen Zahnlücke oder ihrer besonderen Ausstrahlung super erfolgreich sind. Es ist also erst einmal schwer zu sagen, was es genau braucht um Model zu werden. Daher würde ich es an deiner Stelle einfach mal versuchen, wenn du das gerne ausprobieren würdest.

ABER BITTE: Bevor du beginnst dich bei Agenturen zu bewerben, musst du dir bewusst machen, dass die Ideale, die Models erfüllen sollten, keine allgegenwärtigen Gesetze sind! Du musst NICHT so aussehen und du musst NICHT in dieses Bild passen. Falls du es tust, kann der Job wirklich Spaß machen, aber das aller wichtigste ist, dass du weißt wer du bist und dass du gut bist so wie du bist. Sonst kann es wirklich gefährlich werden.

Außerdem kommt es auf den Bereich und den Markt an. Ich bin z.B. nur 1.72m groß und habe Kleidergröße 36. Damit konnte ich bisher eher im kommerziellen Bereich, also z.B. TV Spots oder Online Shops arbeiten. Für den Laufsteg oder „High Fashion“ muss man in der Regel schon größer und (ich sage es ungern) dünner sein. Mir persönlich liegt die kommerzielle Seite viel mehr und ich fühle mich absolut nicht dazu verpflichtet in das Fashion Ideal passen zu müssen. Es ist wirklich wichtig man selbst zu sein und sich nicht verstellen zu wollen.

Dann gibt es noch verschiedene Märkte. Als Model bist du quasi ein Produkt, das Kunden für die Werbung ihrer Produkte kaufen. Klingt hart, aber ist einfach die Wahrheit. Ich habe zum Beispiel auf dem deutschen Markt nur mittelmäßig gearbeitet, war aber auf dem indischen Markt sehr erfolgreich, weil ich dort perfekt ins Profil gepasst habe. In jedem Land gibt es andere Schönheitsideale. Hellere oder dunklere Haut, dünner oder kurviger, jugendliches oder erwachsenes Aussehen. Das kommt natürlich auch immer auf den Kunden an.

Brauche ich eine Modelagentur?

Um wirklich erfolgreich zu sein und an die großen Jobs zu kommen empfiehlt es sich eine Agentur zu haben. Agenturen haben Kontakte zu allen Castings und Kunden und können dich vermitteln. Dafür bekommen sie zwischen 20 – 40% Provision. Was du als Model verdienst schreibe ich weiter unten. Grade am Anfang ist eine Agentur ganz gut, damit du nicht an unseriöse Personen gerätst (und die gibt es zu genüge!).

Hier vielleicht nochmal ein kleiner, aber wichtiger Hinweis: Du musst NIEMALS etwas tun was du nicht willst. Du musst keine freizügigen Fotos machen und wenn du ein schlechtes Gefühl hast dann geh einfach! Völlig egal, wie bekannt ein Fotograf vielleicht ist oder was eine Agentur von dir erwartet. Dein Wohl steht an absolut erster Stelle!

Auch um im Ausland zu arbeiten ist einer Agentur hilfreich oder sogar notwendig, um z.B. alle Verträge zu regeln.

Aber bitte auch hier vorsichtig sein! Es gibt sehr unseriöse und auch sehr harte Agenturen. Hier findest du eine Liste der bekannten, großen Agenturen.

Zu allererst sollte eine Agentur NIEMALS Geld dafür verlangen, um dich in ihre Kartei aufzunehmen. Die Kosten für Sedcards und Testshootings sollten auch nur von Jobs abgezogen werden und nicht von dir in Vorkasse bezahlt werden. Bitte lege aber nicht zu viel Wert auf die Meinung von Modelagenturen.

Ich wurde in Deutschland extrem oft abgelehnt, weil ich zu klein oder was auch immer war. Auch wenn dich eine Agentur bittet abzunehmen, dann mach das bitte nicht! Entweder es klappt so wie du bist oder du findest eine andere Agentur oder einen anderen tollen Beruf. Glaub mir, es ist es nicht wert.

Du brauchst also wirklich ein gefestigtes Selbstbewusstsein und Liebe zu dir selbst (einen ganzen Blogartikel darüber findest du hier), bevor du startest. Sei dir über deinen Wert und darüber wer du bist bewusst und sieh das Ganze als eine von vielen Möglichkeiten. Und dann kannst du dich bei seriösen Modelagenturen bewerben. Vergiss dabei nicht: Du bist so oder so toll und wertvoll!

Was verdient man als Model?

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Die Gagen für Modeljobs sind extrem unterschiedlich und vom Bereich, Kunden und Land abhängig.

Deutschland ist ein Land mit sehr guten Gagen, in z.B. Indien sind die Gagen generell schon niedriger. Trotzdem habe ich z.B. in Indien viel mehr und bessere Jobs als in Deutschland bekommen und somit hat es sich für mich viel mehr gelohnt.

Die kommerzielle Branche ist, soweit ich weiß, auch um einiges besser bezahlt als z.B. die Fashion Branche. Für einen TV Spot für sehr große Marken kann man in Deutschland schon mal 80.000€ für einen Drehtag bekommen. Bei kleinen Online Shops bekommt man vielleicht um die 1000 – 2000€ am Tag. Davon werden dann aber noch die Agenturprovision und Steuern abgezogen, also so viel bleibt manchmal gar nicht übrig.

Es ist sehr schwer pauschal zu sagen, was man verdient, zumal man ja auch nicht weiß, wie viele Jobs man im nächsten Monat haben wird. Aber wenn es einigermaßen gut läuft und man auch mal Glück hat kann man schon sehr gut davon leben. Sehr erfolgreiche Top Models verdienen natürlich um einiges mehr und können dann schon von 3-4 Jobs im Monat extrem gut leben. Aber wie so oft ist das absolut nicht die Norm. Jobs für große Marken wie H&M bekommt meist nur die absolute Top Liga und da hin kann der Weg lang sein.

Wie sieht der Job eines Models aus?

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Wie der Job oder Alltag als Model aussieht, ist ebenfalls extrem unterschiedlich und hängt von dem Bereich ab, in dem du arbeitest (zB Kommerziell, Fashion) und natürlich auch von deinem Erfolg.

Ich habe in Deutschland immer nur nebenberuflich als Model gearbeitet, bin in meiner Freizeit zu Castings gegangen und habe Jobs an Wochenenden angenommen. In Indien habe ich 6 Monate Vollzeit als Model gearbeitet.

Erst einmal besteht dein Alltag aus Castings. Ein Kunde plant ein Shooting, TV Spot oder eine Laufsteg Show und castet dafür Models. D.h. du gehst zu dem Casting (oder machst es Digital) mit hunderten von anderen Models, stellst dich vor, spielst vielleicht irgendwelche Szenen vor oder machst einen Catwalk und hoffst den Job zu bekommen. Wenn ja bekommst du ein paar Tage später Bescheid, wenn nicht hörst du nie mehr was.

Wie hoch die Wahrscheinlichkeit bei z.B. 300 gecasteten Personen ist, kannst du dir ja selbst ausrechnen. Daher lautet die Devise: So viele Castings wie möglich machen, um deine Chancen zu erhöhen. Geld bekommst du dafür aber nicht.

Dann gibt es natürlich noch Direct Bookings, d.h. ein Kunde sieht Bilder oder Videos von dir und bucht dich direkt über die Agentur. Das ist natürlich super und viel unkomplizierter. Je erfolgreicher du bist und je mehr Referenzen du hast, desto häufiger kommt das natürlich vor.

Aber grade am Anfang oder als „normales“ Model besteht dein Alltag aus ständiger Ablehnung. Wenn du von 10 Castings einen Job bekommst, dann ist das schon richtig gut. Also ist es auch hier wieder wichtig ein dickes Fell bzw. Selbstliebe und Selbstbewusstsein als feste Grundlage zu haben, um den eigenen Wert nicht daran fest zu machen, wie viele Jobs du bekommst. Das ist aber manchmal gar nicht so einfach.

Wenn du dann einen Job bekommen hast fängt (für mich) der schöne Part an. Du hast einen neuen Kunden, ein neues Team, eine neues Produkt. Es gibt ein Set z.B. Outdoor oder im Studio. Eine Fashion Show oder einen TV Spot. Es ist immer wieder komplett neu, du lernst immer dazu und wächst über dich hinaus. Das macht schon echt Spaß.

Als Model im Ausland arbeiten

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Der Modeljob ist allgemein sehr international. Du musst also immer damit rechnen, dass du morgen für einen Job am anderen Ende der Welt gebucht wirst. Das klingt mega spannend und toll. Ist es auch, aber das kann auch sehr stressig sein. Du kannst nicht wirklich planen und musst quasi immer abrufbar sein.

Ich war für 6 Monate bei einer Modelagentur in Mumbai. Ich habe in einem Apartment mit 5 anderen Models gewohnt und mir mit einem anderen Mädchen ein Zimmer geteilt. Luxuriös war das schon mal nicht! Es war völlig ausreichend für mich, aber kein 5 Sterne Hotel mit Pool. Manchmal hat man Glück und ein Kunde bucht einem ein tolles Zimmer für einen Job, z.B. in einer anderen Stadt. Aber sonst lebt man im Ausland immer erstmal ziemlich spärlich und je größer die Modelbranche in einem Land, desto enger wird dein Zimmer. Ich hab nur Geschichte gehört, wie es in Paris, Mailand, New York zugeht, aber ich glaube, dort muss man wirklich einiges aushalten können.

In Indien fand ich die ganze Branche ehrlich gesagt noch sehr entspannt und freundlich. Ich hatte dort auch viele tolle Jobs, wie TV Spots oder Modekampagnen. Trotzdem war ich „alleine“ für mehrere Monate in einem fremden Land und hab mich natürlich auch super oft einsam gefühlt. Wenn du nach einem langen Tag mit 8 Castings (die alle sche*ße liefen) nach Hause kommst, fehlt die Familie schon sehr. Trotzdem bin ich dadurch extrem gewachsen und habe viel über mich gelernt. Es hat einfach zwei Seiten und ist nicht immer so aufregend, wie auf Social Media scheinen mag.

Als Model arbeiten - wie ist es wirklich?

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Wie gesagt macht die Tätigkeit an sich wirklich viel Spaß und man kann viel erleben. Aber man darf das komplette drum herum nicht einfach ausblenden. Es herrscht extrem viel Konkurrenz und wenn du Vollzeit im Business drin steckst ist es, finde ich, manchmal schwer den Blick für die Realität zu behalten.

Du wirst immer und ständig beurteilt, und zwar nur dein Aussehen. Klar, für viele Jobs ist auch deine Ausstrahlung und deine Persönlichkeit wichtig. Aber du wirst STÄNDIG beurteilt, weil du wie schon oben geschrieben eben auch nur ein Produkt bist. Für den einen Job bist du zu groß, für den anderen zu klein. Für den einen zu dünn, für den anderen nicht dünn genug. Es ist unheimlich schwer sich nicht zu vergleichen, da man nun mal immer verglichen wird. Da kommt schnell mal das Gefühl auf nicht gut genug zu sein, ich denke das kennt jedes Model.

Dazu kommt: je erfolgreicher du bist, desto stressiger wird es. Ich hatte manchmal 3 Shooting Tage a 12 Stunden in 3 verschiedenen Städten und musste ständig hin und her fliegen. Klingt nach einem aufregenden Jet Set Leben? Ist es nicht. Ich hatte kaum geschlafen und musste trotzdem super aussehen und „abliefern“. Das ist wirklich extrem anstrengend und ich hatte selten etwas von den Orten an die ich geflogen oder gereist bin.

Und es geht noch viel krasser. Internationale Top Models müssen an einem Tag auf Hawaii arbeiten, abends nach Paris fliegen, direkt zum Set um danach wieder nach New York zu fliegen und dort den ganzen Tag vor der Kamera stehen. Das mag auf Social Media toll wirken, fühlt sich aber glaube ich manchmal richtig einsam und hart an.

Ich möchte nicht alles schlecht reden, der Job kann wie gesagt wirklich viel Spaß machen und ich habe viele tolle Menschen kennengelernt und Erfahrungen gemacht. Aber es kann psychisch und physisch extrem fordernd sein, wenn man seinen eigenen Wert nicht kennt und den Überblick verliert, was wirklich wichtig ist. Ich habe einige Mädels mit Essstörungen gesehen, das sind auf keinen Fall alle Models, aber es gibt sie. In dieser verzerrten Welt, in der Gr. 36 nicht dünn genug ist, kann man leicht mal den Blick für die Realität verlieren.

Also mein Rat an dich: Sieh es erstmal als Hobby, als Abenteuer, als ein Möglichkeit von vielen. Denk daran, dass die Ideale in der Modelbranche nicht deinen Wert als Mensch definieren und du liebenswert und wunderbar bist, egal wie du aussiehst. Ich hatte in meiner Zeit in Indien immer den Gedanken: Ich bin wie ich bin, entweder es passt oder du kannst gerne jemand anderen buchen. Das war extrem wichtig und hat mir Halt gegeben.

Ich hoffe ich konnte dir damit einen realistischen Einblick in die Model Welt geben. Ich könnte darüber noch ewig weiter schreiben. Mir ist das extrem wichtig meine Erfahrungen zu teilen, da vor allem in diesem Job absolut nicht alles ist wie es nach außen scheint und ich es problematisch finde, dass die Ideale aus der Model Branche einfach von jedem ungefragt adaptiert werden. Wir müssen nicht alle gleich aussehen und du bist so wie du bist wunderschön! Auch (oder vor allem) Models haben extrem viele Selbstzweifel und Komplexe. Das ist ganz normal und kann sich nur von innen heraus verändern. Wenn du Fragen zum Model Beruf hast, dann melde dich gerne bei mir per Mail, Instagram / Facebook oder hier in den Kommentaren! Ich freue mich von dir zu hören. 🙂

Deine Caro

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